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Dienstag, 26. September 2017

Geschichte des Kreises Stallupönen – Teil der preußischen Geschichte

Eine der ältesten Grenzen der Welt: Die östliche Grenze des im nördlichen Ostpreußen gelegenen Kreises Stallupönen (Ebenrode) war bis 1945 die zwischen dem Deutschen Orden und Polen/Litauen im Frieden von Melnosee 1422 gezogene Grenzlinie zu Litauen. Eine historisch bemerkenswerte Grenze, denn sie hatte über 500 Jahre Bestand.

Benachbart waren im Norden der Kreis Pillkallen (Schlossberg), im Westen der Kreis Gumbinnen und im Süden der Kreis Goldap. Aber auch heute nach dem Zerfall der Sowjetunion existiert dieser Teil der Grenze wieder: zwischen Litauen und der Oblast Kaliningrad, der westlichen Exklave Russlands – jetzt also ohne deutsche Beteiligung.

Aber fangen wir von vorne an: Der Bereich Stallupönen gehörte in der Ordenszeit sehr lange (13. bis zum 15. Jahrhundert) zur „Großen Wildnis“, dem zum Schutz des Ordensgebietes nahezu menschenleer belassenen Grenzgebiet nach Litauen hin. Erst nach der Umwandlung des Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum (1525) begann man mit einer planvollen Besiedlung, und erst daraufhin (1539) wurde der Marktflecken „Stallupe" erstmals urkundlich erwähnt (stalet, stalas: prußisch Tisch; lupe: litauisch Fluß; Stallupönen: „Tischflußort“ oder Opferort oder Siedlung am Fluss). In späteren Schriftstücken wurde daraus „Stallupönen".

Preußen: Einen schweren Rückschlag erlitten alle Bemühungen, als es zwischen 1665 und 1670 im Zuge des schwedisch-polnischen Krieges zu den berüchtigten Tartareneinfällen kam. Nach zeitgenössischen Aufzeichnungen waren bis zum Frieden von Oliva (1670) im ganzen Herzogtum (Ostpreußen) durch Brandschatzung 13 Städte und 249 Flecken, Dörfer und Höfe in Schutt und Asche gelegt, 11.000 Einwohner (ohne Kriegsvolk) grausam zu Tode gebracht und 34.000 in die Sklaverei verschleppt worden. Das Land hatte dem überfallartigen Einfall der brandschatzenden Horden wenig entgegenzusetzen. Aber Friedrich Wilhelm I., der (Große) Kurfürst von Brandenburg und Herzog von Preußen, tat anschließend viel für den notwendigen Bevölkerungszuwachs, indem er den Zuzug aus dem Ausland förderte: vertriebene Juden aus Österreich und französische Hugenotten (Calvinisten) bedeuteten für das Land Leistungspotential und kulturelle Vielfalt.

Sein Sohn, Friedrich der III. als Kurfürst von Brandenburg bzw. Friedrich II. als Herzog von Preußen, tat einen für die Zukunft Preußens bedeutsamen Schritt, indem er sich im Jahre 1701 in Königsberg in kalkulierter Begrenztheit seines Anspruchs als Friedrich I. zum König nicht von, sondern in Preußen krönte.

Friedrich I., Krönungszeremonie in Königsberg 1701

Im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts wütete die Pest in Ostpreußen und dezimierte die Bevölkerung wieder um etwa ein Drittel. Ein großer Teil des Landes war wüst und leer. Auch jetzt wurden Maßnahmen zum „Retablissement“ des entvölkerten Gebietes durch das preußische Königshaus getroffen. 

Empfang der Salzburger 1732

Durch Friedrich Wilhelm I. wurde ab 1721 die Besiedlung des Landes („Peuplierung“) als Planungsgröße vorangetrieben. Landvergabe und eine geringe Belastung durch Steuern und Abgaben begünstigten die Einwanderung zunächst aus Litauen und Polen, dann aus Teilen Westeuropas. So fanden ab 1732 die Salzburger, die wegen ihres protestantischen Glaubens des Landes verwiesen wurden, im Preußenland eine neue Heimat und günstige wirtschaftliche Bedingungen. Ein Gutteil der Salzburger ließ sich im Kreis Stallupönen nieder.

Stadtgründung: Eine Ostpreußenreise des preußischen Königs im Jahre 1721 führte ihn auch nach Stallupönen. In der Folge wurde am 6. April 1722 das Dorf Stallupönen urkundlich zur Stadt „deklarieret“, offizielles Datum für die Stadtgründung. Ein reger Wohnungsbau und die Schaffung sozialer Einrichtungen machten Stadt und Umland attraktiv für Zuwanderer, z. B. für die dringend benötigten Handwerker.

Groß Trakehnen
Friedrich II. nach der Schlacht bei Kunersdorf 1759

Trakehnen: Zu erwähnen ist an dieser Stelle die Gründung des „Königlichen Stutamts“ Trakehnen im Jahre 1732 mit dem Ziel ausreichender und kostengünstiger Versorgung des preußischen Militärs mit Pferdematerial. Trakehnen entwickelte sich zu einem wirtschaftlich autarken Gebilde mit ausgelagerten Vorwerken. Das Gestüt errang Weltruf. Nach seinem Untergang im 2. Weltkrieg verfiel es zu einem jämmerlichen Ruinenfeld. Inzwischen werden bei einem Wiederaufbau in Teilen (Landstallmeisterhaus, Reitburschenhaus) Erfolge sichtbar, was aber mit Pferdezucht nichts mehr zu tun hat. Für die „Trakehner“ allerdings, die Pferde mit der Elchschaufel als Brandzeichen, gibt es weltweit viele neue Zuchtstätten.

Friedrich der Große: Der Siebenjährige Krieg (1756 -1763) unter Friedrich II., dem Großen, war auch für Stallupönen schicksalhaft - wenn man so will, eine Vorahnung dessen, was rund 200 Jahre später geschehen sollte. Vier Jahre lang, von 1758 – 1762, gab es in Königsberg, immerhin Hauptstadt und Zentrum Ostpreußens, eine überwiegend funktionierende Symbiose zwischen dem besetzenden Feind, dem Militär der Zarin Elisabeth, und den Besetzten, den nach Friedrichs Geschmack allzu willigen ostpreußischen Hauptstädtern. Auch die Bewohner Stallupönens mussten der Zarin feierlich den Treueeid schwören und verlebten diese Jahre als Bürger Russlands. Dann starb Elisabeth und je nach Couleur der Nachfolger waren die russischen Truppen zunächst verbündet, anschließend neutral. Der „Alte Fritz“ und Preußen hatten überlebt, und damit waren Ostpreußen und der Kreis Stallupönen samt Bevölkerung wieder das, was sie schon vorher waren: Preußen. Hier schließt sich ein Kreis, womit wir sehen, dass Kriege zumeist unsinnig sind und dass unser Verhältnis zu unserem großen russischen Nachbarn ein ambivalentes, dynamisches und durchaus reizvolles war und weiterhin sein könnte, solange keine Seite den Bogen überspannt.

Polnische Teilungen: Vermerkt werden soll an dieser Stelle das Tripel der Polnischen Teilungen (1772, 1775, 1792), als Landgewinn zunächst leichte Beute und ohne spürbaren lokalen Einfluss im Heimatkreis, aber mit einem sehr, sehr langen Schatten, der als wesentlicher Faktor rund eineinhalb Jahrhunderte später zum Untergang des Kreises Stallupönen beitragen sollte.

Napoleon empfängt Königin Luise
Reformer Frh. vom u. zum Stein
Rückzug der „Grande Armée“ 1812

Französische Revolution: Gravierend waren die anschließenden Ereignisse: Auch wenn die Französische Revolution im Osten Deutschlands politisch zunächst wenig bewegte, verhängnisvoll war sie dennoch. In der Folge unterwarf Napoleon das europäische Festland inklusive Preußen und teilte es neu ein - insbesondere Preußen, das im Frieden von Tilsit (1807) nahezu 50 % seines Staatsgebietes verlor. Der verzweifelte Bittgang der preußischen Königin Luise änderte daran nichts, führte aber zu deren Mythisierung. Ihr Name tauchte fortan bei vielen sozialen und Bildungseinrichtungen, (Frauen-)Vereinen, Gebäuden und Straßen auf. Das Bild Ihres Gatten, König Friedrich Wilhelm III., dagegen wurde das des Zauderers und Versagers.

Der Zusammenbruch Preußens bewirkte noch in der Napoleonzeit umfassende Reformen. Nicht der König, sondern durchsetzungsfähige und kompetente Minister setzten notwendige Maßnahmen zur Modernisierung des Staatswesens in Gang - zumindest, solange man sie (im Amt) ließ. Verwaltungsreform und Bauernbefreiung waren gewichtige Veränderungen auch für den agrarischen Stallupöner Bereich, Bildungs- und Heeresreform und die gesetzlich gesicherte Emanzipation der Juden waren ebenfalls überfällig.

Im Juni 1812 fand der Vormarsch der Grande Armée und deren Verbündeten durch Stallupönen und die Grenzstation Eydtkunen nach Rußland mit den üblichen Begleiterscheinungen statt, der Ausplünderung sämtlicher Magazinbestände und der Konfiszierung aller beanspruchten Gebäude. Allerdings erlebte die Bevölkerung auch die Umkehrung, indem bereits ein halbes Jahr später die traurigen Reste der französischen Truppen, ebenfalls über Eydtkunen und Stallupönen, gen Westen flüchteten. An Aufenthalt für sie war jetzt nicht zu denken, da ihnen die russischen Kosaken im Nacken saßen. Ausgelöst durch die Verbrüderung des preußischen Yorkschen Korps zu Tauroggen mit russischen Truppen und vom Volk begeistert begrüßt, begann der Befreiungskrieg gegen Napoleon. Ihren Einsatz bezahlten 27 Krieger aus dem Kreis Stallupönen mit ihrem Leben, 4 wurden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.

Nachnapoleonische Zeit: Der Sieg über Napoleon brachte nicht die in der Bevölkerung erwarteten Umwälzungen, wobei der Wunsch nach der Einigung Deutschlands bei den Menschen vornean stand. Der Wiener Kongress erschöpfte sich in der Restitution der monarchischen, absoluten Strukturen. Die Fäden zog hierbei der erzkonservative österreichische Kanzler Metternich. Immerhin sollte danach rund fünf Jahrzehnte lang Frieden herrschen.

Die Reformbemühungen im preußischen Staat gingen weiter. So wurde im Zuge der Verwaltungsreform 1815 der Landkreis Stallupönen in seiner endgültigen Form gebildet, Stallupönen erhielt offiziell den Status einer Kreisstadt. Ein „standesgemäßer“ Ausbau von Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Schulwesen erfolgte zügig. Als Garnisonstadt waren Stallupönnen allerdings weder große Bedeutung noch Kontinuität beschieden. Reiterei war unter dem „alten Fritz“ dorthin verlegt worden, die abenteuerlichen „Bosniaken“, später kamen Ulanenregimenter. Für wenige Jahre ab 1830 wurde ein Militärlazarett in Stallupönen eingerichtet.

Reichsgründung1871

Deutsches Reich: Das Revolutionsjahr 1848 und die Reichsgründung 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg scheinen keine nennenswerten Eindrücke in unserer ländlich geprägten Heimat hinterlassen zu haben; jedenfalls liegen bis dato keine bezüglichen Quellenangaben vor. Preußen stellte zwar den Kaiser und hatte sich als größte Provinz des Bismarck-Reiches bis zum Rhein ausgedehnt – aber das alles war in dem östlichsten Kreis des „Reiches“ doch weit weg! Man registrierte und verfolgte (Zeitung „Ostdeutsche Grenzboten“ in Stallupönen ab 1874), Brüche im Leben fanden im Kreis Stallupönen offenbar nicht statt. Immerhin kam es zum Eisenbahnbau, u. a. von Königsberg über Stallupönen bis Eydtkuhnen (mit Anbindung an das Zarenreich!), und damit zu einer erheblichen Aufwertung des Kreises.

Wiederaufbau in Stallupönen 1915

1. Weltkrieg: Ganz anders die Zeit des ersten Weltkrieges. Der fand nicht irgendwo in der Ferne statt, nicht einmal vor der Haustür, sondern konkret im eigenen Haus. Mit Kriegsbeginn kam es zum Einfall der russischen Armeen in Ostpreußen. Schwerpunktmäßig war im Norden unser Heimatkreis Stallupönen betroffen. Neben den kriegerischen Handlungen waren Brandschatzung, Plünderung und grausame Willkür gegenüber der Bevölkerung zu ertragen. Die Brände, z. T. erst beim Abzug von den Russen gelegt, bedeuteten sinnlose Zerstörung. Die Kreisstadt Stallupönen, mehr noch das Grenzstädtchen Eydtkuhnen, litten sehr darunter. Im ganzen Kreis gingen Orte und Höfe in Flammen auf.

Als Glücksfall erwies sich nach ersten Fehlschlägen die Reaktivierung des Feldmarschalls Paul von Hindenburg, dem gemeinsam mit dem hervorragenden Taktiker, General Erich Ludendorff, das Oberkommando in Ostpreußen übertragen wurde. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit gelang es ihnen bereits im September 1914 in den Schlachten von „Tannenberg“ und an den „Masurischen Seen“ und endgültig im Februar 1915 in der „Winterschlacht“, Ostpreußen nach erneutem Eindringen der Russen freizukämpfen. Am 13. September 1914 fand die 1. Befreiung Stallupönens durch die 22. Infanterie-Division (Friedensstandort war die Residenzstadt Cassel), am 10. Februar 1915 die 2. Befreiung durch Mannheimer Truppen statt. Damit waren für Ostpreußen die militärischen Auseinandersetzungen im 1. Weltkrieg beendet.

Im russischen Zarenreich brach 1917 die Oktoberrevolution aus. In der Folge wurde mit dem Frieden von Brest-Litowsk (3. März 1918) im Osten Deutschlands ein vorzeitiges Ende des Krieges herbeigeführt.

Es hatte im 1. Weltkrieg in Ostpreußen zum ersten Mal eine Fluchtwelle stattgefunden, die in den Ängsten der Bevölkerung vor Greueltaten der russischen Truppen ihre Ursache hatte. Auf Grund der deutschen Siege konnte eine schnelle Rückkehr in die Heimatorte erfolgen. Die materiellen Verluste der Bevölkerung durch Brände und Plünderungen waren groß. Aber in der Eingangsphase des Krieges war auch die Begeisterungsfähigkeit der Bevölkerung im Reich groß. Staatliche Hilfen und ein sich organisierendes Spendenwesen führten zu zügigem Wiederaufbau.

Casseler Baublock (seit 1915)

Patenstadt Kassel: Da an der Befreiung Stallupönens Kasseler Truppen großen Anteil hatten, übernahm die „Residenzstadt Cassel“ 1915 die Patenschaft für Stallupönen und leistete große Hilfe in der stark zerstörten Stadt. Ein ganzer Häuserblock entstand aus Kasseler Spendengeldern, der „Kasseler Block“. Stallupönen revanchierte sich mit der Umbenennung der anliegenden „Polnischen Straße“ in „Kasseler Straße“. Andere Hilfsvereine übernahmen Verantwortung auch für das Umland und förderten nicht nur den Gebäudebau, sondern auch die landwirtschaftliche Entwicklung. Die Patenschaft zwischen der Stadt Kassel und der Kreisgemeinschaft Ebenrode (Stallupönen) wurde nach dem 2. Weltkrieg (1954) erneuert. Sie besteht heute noch und wird gepflegt. Ihr 90jähriges Bestehen wurde 2005 in Kassel feierlich gewürdigt – u. a. mit einem Straßenfest in der „Stallupöner Straße“, die es in Kassel gibt.

Weimarer Republik: Mit dem Ende des verlorenen 1. Weltkrieges kam es zu bedeutenden Umwälzungen: Durch Revolution wurde das Kaiserreich Deutschland in eine Republik umgewandelt, wobei man knapp am Bürgerkrieg vorbeischrammte. Das rettete allerdings nicht vor der Katastrophe, die die Friedensregelungen von Versailles für die Weimarer Republik bedeuteten: Annexionen von Land und Leuten und gewaltige Reparationsforderungen. Die Kriegsschuld wurde zu 100 % Deutschland angelastet. Für Ostpreußen war das Schlimmste die Abtrennung vom Reich durch den Polnischen Korridor. Personen- und Güterverkehr litten sehr darunter, ständige Querelen in dieser Zeit des ausgeprägten Nationalismus konnten nicht ausbleiben. Rache und nationale Egoismen waren leider die bestimmenden Faktoren, nicht der Wille zum Ausgleich.

Allerdings gab es bald erste Versuche der Milderung und Annäherung (Briand/Stresemann, Aufnahme in den Völkerbund, Young-Plan), doch dann kam es knüppeldick: Der Tod Stresemanns, die Weltwirtschaftskrise, Inflation und Arbeitslosigkeit, die Radikalisierung in Deutschland.

Das 3. Reich und 2. Weltkrieg: Ostpreußen war vom Reich abgetrenntes Grenzland und in dem Empfinden der Bevölkerung mit einem erhöhten Gefährdungspotential verbunden. Die Schwäche der Weimarer Republik mit schnellen Regierungswechseln und Notstandsgesetzen tat ein Übriges. Nach einem aggressiven Wahlkampf konnten die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den greisen Reichspräsidenten v. Hindenburg an die Macht kommen. Dass es ein Weg in den Abgrund werden sollte, wollten die Wenigsten wahrhaben.

Im Kreis Stallupönen änderte sich vieles. Die Politisierung von Kindesbeinen an zeigte sich im uniformierten Auftreten der staatlichen Organisationen. Kleines, aber nicht unbedeutendes Zeichen war die Arisierung der von prußischen Wortstämmen geprägten, vertrauten Ortsnamen. Ein kultureller und Identitätsverlust! Am 3. Juni 1938 wurde die Kreisstadt Stallupönen in Ebenrode umbenannt – letztlich für nur 7 Jahre. Die jüdischen Mitbürger waren der Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Kinder verschwanden aus der Schule, Geschäfte standen leer. Wenige konnten sich durch Emigration in Sicherheit bringen. In der Pogromnacht am 9. November 1938 sank die wunderschöne Synagoge von Eydtkuhnen in Schutt und Asche.

Als der 2. Weltkrieg am 1. September 1939 begann, war im Kreis Ebenrode davon wenig zu spüren, denn der Hitler-Stalin-Pakt bedeutete Ruhe im Osten des Reiches. Das angegriffene Polen kapitulierte bereits zwei Wochen später und verschwand damit rund zwanzig Jahre nach seiner Neugründung zunächst einmal wieder von der Landkarte; es wurde zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Die wichtigste Folge für Ostpreußen war, dass es wieder integrierter Teil Deutschlands sein konnte.

Krieg gegen die Sowjetunion: Abgesehen von den Rationierungsmaßnahmen und natürlich erhöhter Militärpräsenz lebte man wie in Friedenszeiten. Daran änderte sich äußerlich nicht einmal etwas, als Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angriff. Dennoch war dieses Datum der Anfang vom Ende Ostpreußens. Die Bereitstellung der deutschen Truppen erfolgte grenznah im Raum Eydtkau und erzeugte in der Bevölkerung Zweifel und Ängste.

Auf der Flucht 1944/45

Bereits drei Jahre später im Oktober 1944 drang die Rote Armee in Ostpreußen ein. Nach schweren Kämpfen konnte ein kleiner Teil des Kreisgebietes noch bis zum Beginn des Großangriffs der überlegenen sowjetischen Verbände am 13. Januar 1945 gehalten werden. Dann brach der Widerstand zusammen. Für die erst spät im eisigen Winter 44/45 geflüchtete Bevölkerung, überwiegend Frauen, Kinder und Greise, begann ein entsetzliches Martyrium, sofern sie von den feindlichen Truppen überrascht oder überrollt wurde. Ein Gutteil wurde nach Sibirien zur Zwangsarbeit abtransportiert. Nicht vergessen werden sollen dabei die Fremdarbeiter, Russen, Polen, Franzosen, die auch in der Not zumindest zum Teil bei ihren deutschen „Gastgeberfamilien“ verblieben und zu helfen suchten.

Für die Überlebenden der Flucht gab es nach diesem Krieg keine Rückkehr mehr. Die Heimat war verloren. An Opfern des Zweiten Weltkrieges aus dem Kreisgebiet Ebenrode waren zu beklagen: Wehrmachtsangehörige (Gefallene und Vermisste): 3.269, Zivilpersonen: 2.438, Gesamt: 5.707 Personen.

Nachkriegszeit und Gegenwart: Am 17. Oktober 1945 wurde das nördliche Ostpreußen formell der Sowjetunion als "besonderes Gebiet" angegliedert und am 7. April 1946 die Verwaltungseinheit „Kaliningrad Oblast“ gebildet. Vorerst verwendete man die alten Ortsnamen. Im Falle der 1938 und später verfügten Umbenennungen griff die sowjetische Verwaltung auf die älteren Bezeichnungen zurück. 1946 wurde der früheren Verwaltungseinheit Ebenrode der nördliche Teil des Kreises Goldap zugeschlagen. Es handelte sich um die Fläche von 45 früheren Ortschaften. 1946/47 wurde dann der größte Teil der Ortsnamen umbenannt. Die Stadt Ebenrode erhielt zu Ehren des am 20. Oktober 1944 im Raum Trakehnen gefallenen Obristen Nesterow seinen Namen. Auf der heutigen Fläche der Verwaltungseinheit Rayon Nesterow lebten bei der Volkszählung 1939 49.333 Personen. Heute ca. ein Drittel, davon etwa 6.000 in Nesterow.

Erst mit der Perestroika unter Gorbatschow kam es mit dem Zerfall der Sowjetunion rund fünfundvierzig Jahre nach Kriegsende zur Öffnung der Grenzen auch im russischen Bereich Ostpreußens, wenn es auch einen Friedensvertrag nach wie vor nicht gibt. Die bestehenden Grenzen wurden im Rahmen der 2+4-Verhandlungen bestätigt. Es zeigte sich jetzt, dass in unserem alten Heimatkreis, nicht anders als in den übrigen Teilen des der Sowjetunion zugefallenen Gebietes, im Wesentlichen Verfall und Niedergang geherrscht hatten. Das hielt zunächst an. Insbesondere machten sich bürokratische Hemmnisse negativ bemerkbar, die weder den wirtschaftlichen, noch den touristischen Verkehr begünstigten, selbst Bemühungen im humanitären Bereich eher behinderten als unterstützten, obwohl gerade diese dringend notwendig waren zur Linderung der allgemeinen Not. Inzwischen sind Verbesserungen sicht- und spürbar. Angefangen mit der Metropole Kaliningrad, dem früheren Königsberg (750 Jahr-Feier), wo erhebliche Geldmittel zur Sanierung und Verschönerung flossen, machten sich erhöhte Aufwendungen auch in den übrigen Städten, so der Kreisstadt Nesterow, bemerkbar. Aber mühelos kann man nach wie vor gerade in den ländlichen Bereichen den Zeichen größter individueller Armut begegnen.

Spenden für Nesterow/Ebenrode

Mit der Zugänglichkeit Nordostpreußens war es das große Verdienst des damaligen Kreisvertreters Paul Heinacher, dass die Kreisgemeinschaft Ebenrode (Stallupönen) in kürzester Frist Zugang zur alten Heimat und zu den neuen Menschen dort fand. Humanitäre Hilfe, menschliche Kontakte und kulturelle Projekte waren die wesentlichen Inhalte seiner Aktivitäten. In dieser Verpflichtung sieht sich die Kreisgemeinschaft nach wie vor.

Marinowosee

Für die jetzt dort lebenden Menschen ist dieses Land Heimat geworden, und zwar als Selbstverständlichkeit und Normalität. Damit muss man sich arrangieren, was nicht immer leicht fällt. Andererseits besteht dort der Wille zur Begegnung, findet zunehmend der touristische Gedanke Anhänger, der inzwischen z. T. in großem Stil gefördert wird. Begegnungen und Informationen lassen Menschen von hier und dort zueinander finden – für uns eine Möglichkeit, jetzt als Gäste in beliebiger Intensität immer wieder in Frieden zu unseren Wurzeln zurückzukehren. Aber auch Übersiedlung und berufliche Tätigkeit sind dort inzwischen möglich. Möge diese Entwicklung anhalten!

 

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